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Plegaria Muda: 2008 beschäftigte sich Doris Salcedo mit der Bandenkriminalität in Los Angeles.

 
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Montag, 8. Mai 2023 / 20:57:25

Doris Salcedo mit Einzelausstellung in der Fondation Beyeler

Als erstes Schweizer Museum widmet die Fondation Beyeler der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo (*1958) eine umfängliche Einzelausstellung, in welcher acht zentrale Werkreihen aus verschiedenen Schaffensperioden präsentiert werden. Auf 1300 Quadratmetern sind insgesamt rund 100 Einzelarbeiten, darunter Schlüsselwerke aus prominenten internationalen Sammlungen sowie selten ausgestellte Arbeiten aus privatem Besitz, zu sehen.

Doris Salcedos Objekte, Skulpturen und ortsspezifische Interventionen thematisieren die Erfahrungen und Auswirkungen gewaltsamer Konflikte weltweit. Obwohl ihre Werke oft konkrete Ereignisse als Entstehungshintergrund haben, besitzen sie universale Gültigkeit und entfalten eine Wirkung, der man sich nicht zu entziehen vermag. Häufig kreisen sie um Reflexionen über Verlust, individuellen Schmerz und kollektive Trauer sowie deren gesellschaftliche Bewältigung. Ihre Installation Palimpsest, 2013-2017, wird bereits seit Oktober 2022 in der Fondation Beyeler gezeigt.

Doris Salcedo wuchs in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá auf, die sie selbst als Katastrophen Epizentrum beschreibt. Fortwährend mit dem Schrecken der politischen Machtstrukturen und dem menschlichen Leid in ihrer Heimat konfrontiert, entwickelte die Künstlerin ein ausgeprägtes soziales und politisches Bewusstsein. Daraus gehen Werke hervor, die den durch diese Erfahrungen ausgelösten Emotionen und Überlegungen eine Form geben. Statt plakativer Darstellungen sucht Salcedo nach den gemeinsamen Empfindungen der Betrachtenden. Sie selbst sagt: «Was ich aus [meinen] Arbeiten herauszuholen versuche, ist das Element, das uns allen gemeinsam ist.»

Ein Hauptwerk der Ausstellung, A Flor de Piel, 2011-2014, besteht aus Hunderten einzelner Rosenblätter, die zu einem filigranen Leichentuch zusammengenäht wurden, das sich in Falten grossflächig über den Boden ausbreitet. Ausgangspunkt der Arbeit war ein Verbrechen an einer kolumbianischen Krankenschwester, die zu Tode gefoltert wurde und deren sterbliche Überreste nie gefunden wurden. Der Titel A Flor de Piel bezieht sich auf ein spanisches Sprichwort, das das Sichtbarwerden von Emotionen beschreibt, indem sich die menschliche Haut bei einem überwältigenden Gefühl verfärben oder erröten kann, ganz so wie eine Blüte. Für Salcedo ist der Akt des Zusammennähens der Blütenblätter ein wichtiger Bestandteil dieses Werks, worin die Zerbrechlichkeit des Lebens auf einzigartige Weise zur Anschauung gelangt.

Nur einen Raum weiter reihen sich die Tische von Plegaria Muda, 2008-2010, aneinander. 2008 beschäftigte sich die Künstlerin mit der Bandenkriminalität in Los Angeles und stellte dabei fest, dass Opfer und Täter häufig ähnliche sozioökonomische Umstände teilten und aus ähnlich benachteiligten Verhältnissen stammten. Ausgehend von dieser Beobachtung, hat sie jeweils zwei Tische von der Grösse eines Sarges Platte auf Platte und getrennt durch eine Schicht Erde aufeinandergestapelt. Jedes dieser Tischpaare steht sinnbildlich für eines von Hunderten Täter-Opfer-Paaren, deren Schicksale tragisch miteinander verbunden bleiben. An einen frisch angelegten Friedhof erinnernd, spiegelt die Arbeit ebenso das Leid all jener trauernden Mütter in Kolumbien wider, die in Massengräbern nach ihren vermissten Söhnen suchen. Plegaria Muda, was sich mit "Stilles Gebet" übersetzen lässt, verdeutlicht die universelle Bedeutsamkeit eines individuellen, würdevollen Begräbnisses und Abschieds. Durch das wie ein Hoffnungsschimmer aus den handgefertigten Tischplatten keimende Gras bringt Salcedo ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass sich das Leben trotz aller Missstände durchsetzt.

Disremembered, 2014/15 und 2020/21, verleiht gleich mehreren wichtigen Aspekten in Salcedos Œuvre Anschaulichkeit: Es handelt sich hierbei um eine fast immaterielle, kaum greifbare Arbeit, deren Gehalt sich den Betrachtenden erst bei näherem Herantreten offenbart. Ein hemdartiges Seidentuch, das Salcedo nach dem Vorbild ihrer eigenen Bluse entwarf, ist von zahlreichen kleinen Nadeln durchzogen, die der flüchtigen Feinheit der Skulptur etwas Bedrohliches entgegensetzen. Im Vorfeld der Arbeit sprach Salcedo mit Müttern, die ihre Kinder durch Waffengewalt in Problembezirken Chicagos verloren hatten. Der allzeit gegenwärtige und untröstliche Schmerz dieser Frauen wird durch die mehr als 12.000 feinen, direkt in den Stoff eingewebten und aufgrund der transparenten Erscheinung der Skulptur deutlich sichtbaren Nadeln versinnbildlicht.

Zwischen diesen Polen von Zartheit und Gewaltsamkeit bewegen sich auch viele weitere von Salcedos Werken. So zeigt Atrabiliarios, 1992-2004, getragene Schuhe - in die Ausstellungswand eingelassen und mit einer Kuhhaut verschlossen, sodass sie nur noch diffus zu erkennen sind. Damit sucht Salcedo die Erinnerung an ihre früheren Besitzerinnen zu bewahren: Frauen, die in Kolumbien Opfer von Enforced Disappearance (erzwungenes Verschwindenlassen) geworden sind.

Die Serie Untitled, 1989, wiederum besteht aus mehreren Holzmöbeln, die in Beton gegossen wurden. Die Künstlerin verbrachte für diese Arbeit Zeit mit den Familien von Opfern der anhaltenden Gewalt und des Bürgerkriegs in Kolumbien und nahm sich der benutzten Alltagsgegenstände der Opfer an, die mit deren Tod nutzlos geworden waren und ihre Abwesenheit symbolisierten.

Unland, 1995-1998, geht auf Interviews mit verwaisten Kindern in Nordkolumbien zurück, die die Ermordung ihrer Eltern mit ansehen müssen. Die jeweils durch ein Gemisch aus Seide und menschlichem Haar miteinander verbundenen Tischhälften vergegenwärtigen das fragile Gleichgewicht, das in durch Gewalt zerrissenen Familien herrscht.

Untitled, 1989-93, entstand als Reaktion auf zwei Massaker, die 1988 im Norden Kolumbiens auf den Bananenplantagen von La Negra und La Honduras stattfanden. Die Skulpturen bestehen aus weissen Baumwollhemden, die in Gips gegossen und von Stahlstangen durchstossen sind. In Anspielung auf die Abwesenheit des menschlichen Körpers verweisen die Hemden auf die Standardkleidung der Arbeiter auf diesen Plantagen sowie auf die Totenkleidung der Verstorbenen.

In der raumgreifenden Installation Palimpsest, 2013-2017, widmet sich Salcedo den Flüchtenden und Migrant:innen, die in den letzten 20 Jahren auf ihrem Weg nach Europa bei der gefährlichen Überquerung des Mittelmeers oder im Atlantik ertrunken sind. Fünf Jahre recherchierte sie dafür die Namen der Opfer, die auf den sandfarbenen Bodenplatten der rund 400 Quadratmeter messenden Installation erscheinen und wieder verschwinden.

Doris Salcedos Werke erfordern oft jahrelange Vorbereitung, Recherche und Ortserkundung und münden in komplexe und minutiös geplante Prozesse der Konzeptualisierung. Es ist charakteristisch für die Künstlerin, dass sie die Schrecken, die sie thematisiert, in ihren Arbeiten nie unmittelbar zeigt. Stattdessen wählt sie bewusst Materialien und Ausdrucksmittel, die dem Grauen indirekt Anschaulichkeit verleihen und die ungeachtet aller Bedrohlichkeit eine Schönheit und Poetik in sich bergen. Mit ihrem Schaffen versucht Doris Salcedo Brücken zwischen dem Leid und dem Elend des menschlichen Daseins auf der einen und den Wünschen und Hoffnungen auf der anderen Seite zu schlagen.

Über Doris Salcedo

Doris Salcedo wurde 1958 in Bogotá, Kolumbien, geboren, wo sie auch heute noch lebt und arbeitet. Sie studierte Malerei und Kunstgeschichte an der Universität von Bogotá, dann in den frühen 1980er-Jahren Bildhauerei an der New York University. 1985 kehrte die Künstlerin nach Kolumbien zurück, wo sie auf zahlreichen Reisen innerhalb ihres Landes Überlebende und Angehörige von Opfern brutaler Gewaltübergriffe kennenlernte. Die Sensibilisierung für die Themen Krieg, Entfremdung, Orientierungslosigkeit und Heimatverlust bildet seitdem die Basis ihrer Arbeit.

Salcedo sorgte unter anderem mit raumgreifenden Installationen wie Untitled, 2003, Shibboleth, 2007, oder Plegaria Muda, 2008-2010, für Aufsehen. Untitled, 2003, realisiert für die 8. Internationale Istanbul Biennale, bestand aus rund 1550 zwischen zwei Gebäuden gestapelten Holzstühlen, die die Geschichte von Migration und Vertreibung armenischer und jüdischer Familien aus Istanbul thematisierten. Für Shibboleth, 2007, schuf Salcedo in der Turbine Hall der Tate Modern, London, eine felsspaltenartige Kluft, die sich durch den ganzen Raum zog und damit gesellschaftliche Ab- und Ausgrenzung, aber auch Trennung räumlich erfahrbar machte. Das Museum of Contemporary Art Chicago richtete 2015 die erste Retrospektive der Künstlerin aus. Letztes Jahr wurde ihr eine Soloausstellung in Glenstone, Maryland, gewidmet.

In der Fondation Beyeler war Doris Salcedo 2014 in einer Sammlungspräsentation mit Werken aus der Daros Latinamerica Collection vertreten. Palimpsest wurde 2017, organisiert vom Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, im Palacio de Cristal in Madrid und danach bei White Cube in London gezeigt. Die eindrückliche Installation wird seit Herbst 2022 in der Fondation Beyeler erstmals im deutschsprachigen Raum präsentiert. Salcedos neueste Arbeit Uprooted, 2020-2022, ist derzeit auf der Sharjah Biennial 15 zu sehen.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Sam Keller, Direktor, und Fiona Hesse, Associate Curator der Fondation Beyeler. Ein Katalog mit Beiträgen von Fiona Hesse, Seloua Luste Boulbina und Mary Schneider Enriquez sowie einem Vorwort von Sam Keller und Gedichten von Ocean Vuong erscheint begleitend zur Ausstellung im Hatje Cantz Verlag, Berlin.

fest (Quelle: pd)

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